Kultur der Angst
Gegen die toxischen Spielregeln des Systems Klinik

04. August 2026

Jens Hollmann arbeitet seit mehr als 25 Jahren im Bereich Organisations-, Personal- und Führungsentwicklung.

Im System Klinik gelten oft besondere Spielregeln. Nicht selten führt ein großes Autoritätsgefälle zu einer Kultur der Angst, die Machtmissbrauch das Feld bereitet. In vielen Häusern seien sanktionsfreie Räume entstanden, in denen Grenzüberschreitungen oder wenig konstruktive Formen der Zusammenarbeit folgenlos bleiben, sagt der Organisationsentwickler Jens Hollmann. Mit kma hat er ausführlich darüber gesprochen, wie Macht zu etwas Destruktivem werden kann, aber auch Wege aus dem Dilemma beschrieben.

Wenn wir den Arbeitsplatz Krankenhaus betrachten – Macht oder Hierarchien bedeuten per se erst einmal nichts Negatives. Aber wieso kommt es gerade hier immer wieder zu Grenzüberschreitungen oder Machtmissbrauch?

Das lässt sich gut mit dem soziopsychologischen Phänomen des Autoritätsgradienten erklären. Der Gradient beschreibt, wie stark das Gefälle in Bezug auf Macht und Status sich auf die Kommunikations- und Arbeitskultur auswirken. Eindrücklich belegt hat das eine Studie im Jahr 2012*. Dabei wurden Oberärzte gezielt instruiert, bei der Behandlung eines simulierten Patienten Fehler zu begehen. Beobachtet wurde, ob Assistenzärzte und Pflegekräfte einschreiten und die erkannten Fehler ansprechen. Mit dem ernüchternden Ergebnis, dass nur in 28 Prozent der Fälle die Fehler angesprochen wurden und das, obwohl die Fehler in fast dreiviertel der Fälle erkannt wurden und obwohl aus dem Schweigen ein Patientenschaden resultiert hätte. Als wesentlicher Grund wurde die Autorität des Oberarztes benannt. Dieser Befund ist inzwischen vielfach repliziert worden, und er deckt sich mit dem, was ich seit vielen Jahren in Kliniken beobachte.

* („Äußern Assistenzärzte und Pflegekräfte sicherheitsrelevante Bedenken?“, Simulatorstudie zum Einfluss des „Autoritätsgradienten“, von M. St.Pierre, A. Scholler, D. Strembski, G. Breuer. Erschienen in Die Anaesthesiologie, Ausgabe 10/2012)

Zu viel Macht kann also Gruppendynamiken hemmen und in letzter Konsequenz das Patientenwohl gefährden?

Man muss hier nach der jeweiligen Situation genau differenzieren und unterscheiden. In einer Klinik – einem hochkomplexen Arbeitsumfeld, in dem unter erheblichem Zeitdruck Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen getroffen werden – erfüllt ein ausgeprägter Autoritätsgradient zunächst eine wichtige Funktion. Er schafft Orientierung, bündelt Verantwortung und ermöglicht auch in kritischen Situationen rasche Entscheidungen. Problematisch wird der Autoritätsgradient erst dann, wenn aus Autorität Einschüchterung wird und Fehler aus Angst nicht mehr benannt werden. Wo Mitarbeitende befürchten müssen, für Rückfragen, Zweifel oder kritische Hinweise negative Konsequenzen zu erfahren, werden Fehler seltener angesprochen, Risiken später erkannt und wichtige Informationen nicht mehr weitergegeben. Aus einer ursprünglich sinnvollen Hierarchie entsteht dann ein Sicherheitsrisiko.